Über allen Wipfeln…

… des Stadions ist Ruh’. Doch darunter scheint man es eilig zu haben und greift systematisch in die Substanz der gewachsenen Alleen im und am Stadion ein, obwohl diese seit Anfang 2008 gesetzlich geschützt sind:

  1. Die Garagen am Westende des Stadions werden bald abgerissen, um eineLärmschutzwand an die Westgrenze des Stadiongeländes zu bauen, die Geräusche vom Parkplatz des Lukaskrankenhauses zurückhalten soll. (Wohlgemerkt: Damit wird nicht das Krankenhaus gegen den Sportlärm geschützt, sondern die zukünftigen Bewohner des Marianum-Geländes vor dem Lärm des Parkplatzes! Für den Sport hatte noch eine kostengünstige Allgemeinverfügung gereicht.) Weil das Lukaskrankenhaus nicht zugestimmt hat, wird die Mauer nun in das Stadion gesetzt: zwischen die erste und zweite Baumreihe, was das Wurzelwerk der Linden beschädigt.
  2. Vivacon bewirbt das Marianum mündlich bereits mit der Zufahrt durch das Krankenhausgelände zum Konrad-Adenauer-Ring. Selbstverständlich ist noch nichts beschlossen. Selbstverständlich wird man dies aber durchsetzen wollen. So beginnt auch der Lärmschutz am Parkplatz Sinn zu ergeben.
  3. Beim Umbau der Jahnstraße wurde der neue Abzweig zum Stadion noch heruntergespielt, jetzt kommt der zweite Teil: Am kommenden Freitag soll im Rat unter TOP 14 der Bau eines großen Regenwassersammlers im Marianum beschlossen werden, um diesen später durch die Lindenallee im Stadion in die Jahnstraße zu führen. Damit wären auch Bauflächen im Stadion zu entwässern. Damit ist die gesamte Lindenallee entlang des Rasen- und der Tennenplätze in Gefahr.
  4. Die Lärmschutzwand am Bahndamm wird zur Abholzung eines Großteils der Vegetation am Bahndamm führen. Die schmucken Aluprofile, die das Grün ersetzen, erzeugen viel Resonanz und relativ wenig Schalldämmung, weil sie zuwenig Masse für effektiven Schallschutz haben. Und das Gutachten zur Frage, wie wichtig die Frischluftschneise über Stadion und Bahndamm für die Innenstadt ist, lässt seit fast einem Jahr auf sich warten. Aber weil die Bahn ja freiwillig baut, möge bitte niemand kritische Fragen stellen. Und zufällig soll die Baumaßnahme in der Jahnstraße ganz schnell beendet werden; die Vermessungsarbeiten fanden schon statt.

Eigentlich könnte dies allen Anwohnern recht sein. Die Bahn wird vielleicht leiser, das Marianum steigert die Grundstückpreise, die Preußenstraße wird entlastet, der Sport wird beschränkt, die Frischluft bleibt hier im Stadionviertel statt in die Innenstadt zu wandern. Warum sind trotzdem so viele Menschen dagegen? Weil es ihnen um die Rettung einer aktiven, lebendigen, gewachsenen Umwelt geht, nicht um die Schaffung eines Luxusghettos in stiller Umgebung.

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass die Veranstaltungen der Stadt immer Bürger”information” heißen, weil das Ergebnis schon klar ist, im Nachhinein aber zu Bürger”beteiligung” umdeklariert werden? Hier werden Nägel mit Köpfen gemacht bevor auffällt, dass die genannten Maßnahmen schlicht ungesetzlich sein könnten. Es wäre nicht der erste Ratsbeschluss, den die CDU in ihrer schlichten Einigkeit nachträglich von einem Gericht wieder vor die Füße geworfen bekommt.

Über allen Wipfeln des Stadions ist Ruh’ – solange es sie noch gibt. Danach könnte man doch endlich das Restgelände bebauen: eine Brache, zwischen deren Lärmschutzwänden die Vereine und Sportler allgemeinverfügt und weggelockt wurden. Oder nicht?