Herta Reinhart: Rede zum Stadionfest (16.8.2008)

Liebe Kinder, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

man hat mich gefragt, ob ich bereit sei, hier heute etwas zu sagen, und ich habe gefragt, was ich denn sagen soll?

Das war falsch, denn ich kann sowieso nur das sagen, was ich denke und für richtig halte. Ich habe Sie als Bürger angesprochen und genau aus diesem Grunde stehe auch ich hier. Es ist Zeit, als Bürger in dieser Stadt den Mund aufzumachen, denn wir haben einen großen Vorteil gegenüber den Politikern: Wir sind nicht eingebunden in vermeintliche Verpflichtungen, Parteiraison, wirtschaftliche Abhängigkeiten, Netzwerke… Wir dürfen einfach sagen, was wir wirklich meinen, nur verpflichtet dem Wohl eben dieser Bürger in dieser Stadt. Dieses Recht garantiert uns in unserem demokratischen Rechtsstaat unsere Verfassung, und deshalb möchte ich mich auch nicht mundtot machen lassen und auch nicht all diejenigen, die hier bereit sind, unter Hintanstellung ihrer Freizeit, dieses Recht in Anspruch zu nehmen.

Wir kämpfen für unseren unmittelbaren Lebensraum, den Erhalt dieses Jahnstadions nicht, weil wir ‘ewig-gestrig’, hoffnungslos altmodisch oder gar nostalgisch sind. Wir kämpfen für dieses Stückchen Neuss gerade, weil wir all das nicht sind, sondern an die Zukunft dieser Stadt glauben möchten. Es gab und gibt in dieser Stadt bereits zu viele ‘Baustellen’, wo das wirkliche Bedürfnis der Bürgerinnen und Bürger nach attraktiven und menschlichem, ich möchte sagen ‘mitmenschlichem’ Lebensraum im wahrsten Sinne des Wortes begraben wurde und wird.

Es geht uns auch nicht um die berechtigten Ansprüche der TG, einer ungemein wichtigen Einrichtung für die Bürger dieser Stadt mit so vielen engagierten Mitarbeitern. Ich selbst war als Kind Mitglied in diesem Verein, wie auch Jahre später meine Kinder, und ich weiß um die bürgernahe und breite Bedeutung dieser Einrichtung.

Es ist unfair, uns gegeneinander auszuspielen.

Lasst uns doch gemeinsam eine Lösung finden, die uns allen zum Wohle gereicht, lasst euch nicht vereinnahmen oder unter Druck setzen und ich bin sicher, es gibt Alternativen, die bisher einfach noch nicht entdeckt wurden. Diese Stadt ist über 2000 Jahre alt, da kommt es doch ganz bestimmt nicht auf ein paar Monate an! Wollen wir denn nicht eigentlich das Gleiche? Neuss als einen lebens- und liebenswerten Lebensraum erhalten?!

Das Jahnstadion ist ein solcher Lebensraum, warum versteht ihr Politiker das nicht?! Hier haben schon Generationen ihren Sport getrieben, ihre Freizeit verbracht, hier findet auch heute noch im wahrsten Sinne des Wortes ‘Gemeinde’ statt, zwischen Alten und Jungen, sozialübergreifend durch alle Gruppen der Gesellschaft.

Bei vielen Ansprachen aus Politik und Gesellschaft wird die alte Tradition dieser Stadt mit berechtigtem Stolz hervorgehoben. Dies hier, dieses Stadion ist ein Stück Tradition!

In den meisten Städten in diesem Land hat man inzwischen kapiert, dass es das wenige Alte, was der Krieg und die Sanierungswut der 60er und 70er Jahre uns hinterlassen haben, zu bewahren gilt. Neuss, so habe ich manchmal den Eindruck, betreibt immer noch Ausverkauf.

Wer in seinem Lebensraum engagiert arbeiten, etwas schaffen, aufbauen, sich sozial verantwortlich fühlen soll, muss sich identifizieren können. Er muss zu alten Plätzen und gewohnten Bildern gehen können, er muss in einer Welt mit Wiedererkennungswert leben und, damit sie mich nicht missverstehen, das muss nicht heißen, ich betone, es bleibt alles beim Alten…

Konservativ sein heißt für mich das Gute und Sinnvolle bewahren wollen. Wo sind die wirklichen Konservativen in dieser Stadt?

Ich bin überzeugt, dass viele in dieser Stadt, die heute in der Politik tätig sind, und viele darunter kenne ich lange, schätze sie, ja, möchte sie z. T. sogar gerne als meine Freunde bezeichnen, genau mit diesem Ideal angefangen haben und genau deswegen in die Politik gegangen sind. Habt den Mut, euch wieder daran zu erinnern! Fangt heute damit an. Es geht um unsere Stadt, wir brauchen euch, es ist noch nicht zu spät!

Herta Reinhart